Was ist der Cliff?
Der Cliff (englisch für „Klippe“) ist die Sperrfrist am Anfang eines Vesting-Schedules: Vor dem Cliff vestet gar nichts. Endet dein Dienstverhältnis in dieser Zeit, verfallen sämtliche zugesagten Anteile – du gehst mit null.
Mit Erreichen des Cliffs vestet dafür der gesamte bis dahin aufgelaufene Teil auf einen Schlag. Beim Marktstandard – 4 Jahre Vesting, 12 Monate Cliff – sind das exakt 25 %. Danach läuft das Vesting normal weiter, meist monatlich. Der Name kommt vom Kurvenverlauf: Die Vesting-Timeline ist elf Monate lang eine flache Linie bei null und springt dann senkrecht nach oben – wie eine Klippe.
Wichtig: Der Cliff verkürzt deinen Grant nicht, er verschiebt ihn nur. Wer bleibt, bekommt am Ende genau gleich viel; wer früh geht, bekommt nichts. Der Cliff verteilt also nicht Anteile um, sondern Risiko.
Warum sind 12 Monate der Standard?
Der 12-Monats-Cliff hat sich international durchgesetzt, weil er für beide Seiten einen nachvollziehbaren Zweck erfüllt:
- Fehlbesetzungen kosten keine Anteile. Ob jemand wirklich passt, zeigt sich oft erst nach Monaten. Ohne Cliff würde jede Trennung in der Probezeit einen Mini-Gesellschafter auf dem Cap Table hinterlassen – mit Stimm- oder Informationsrechten und Verwaltungsaufwand für immer.
- Ein sauberer Cap Table für Investoren. VCs prüfen vor jeder Runde, wer Anteile hält. Viele Kleinstpositionen ehemaliger Kurzzeit-Mitarbeiter gelten als Warnsignal und können Finanzierungen verkomplizieren.
- Ein Jahr ist eine faire Mindestbindung. Kürzer würde den Zweck verfehlen, deutlich länger (18–24 Monate) verschiebt das Risiko einseitig auf dich – schließlich trägst du in dieser Zeit meist schon einen Gehaltsverzicht gegenüber einem Konzernjob.
Rechenbeispiel: Ausscheiden in Monat 11 vs. 13
Angenommen, dein Vertrag sieht 10.000 Anteile vor, 4 Jahre Vesting, 12 Monate Cliff, monatliche Frequenz. Der Grant ist zum Ausscheidenszeitpunkt insgesamt 80.000 € wert (8 € je Anteil):
| Ausscheiden | Gevestet | Anteile | Wert |
|---|---|---|---|
| Monat 11 (vor dem Cliff) | 0,0 % | 0 | 0,00 € |
| Monat 12 (Cliff erreicht) | 25,0 % | 2.500 | 20.000,00 € |
| Monat 13 | 27,1 % | 2.708 | 21.666,67 € |
Der Unterschied zwischen Monat 11 und Monat 13 beträgt zwei Monate – und 21.666,67 €. Wer in Monat 11 geht, verliert alles; wer den Cliff erreicht, hat sofort 2.500 Anteile sicher, und jeder weitere Monat bringt rund 208 Anteile (10.000 ÷ 48 = 208,33) bzw. 1.666,67 € dazu.
Jobwechsel geplant? Das Timing zählt
Wenn du kurz vor dem Cliff über einen Wechsel nachdenkst, prüfe zwei Dinge im Vertrag:
- Welches Datum zählt? Meist ist das rechtliche Ende des Dienstverhältnisses maßgeblich, nicht der Tag der Kündigungserklärung. Mit gesetzlichen oder vertraglichen Kündigungsfristen kann das Ende hinter dem Cliff liegen, obwohl du vorher kündigst – verlasse dich darauf aber nicht ohne Blick in den Vertrag.
- Was gilt nach dem Cliff? Auch gevestete Anteile sind nur so viel wert, wie die Leaver-Klauseln zulassen. Ein Bad-Leaver-Rückkauf zur Nominale kann den Cliff-Effekt faktisch wiederholen – nur später.
Und rein wirtschaftlich: Ein neues Angebot sollte den Wert kompensieren, den du durch den Wechsel liegen lässt. Vergleiche Angebote inklusive Beteiligung mit dem Angebots-Rechner.
Cliff verhandeln: deine Hebel
Der Cliff selbst ist selten komplett verhandelbar – diese Punkte sind es aber sehr wohl:
- Länge: 12 Monate sind Standard. Alles darüber kannst du mit Verweis auf den Marktstandard ablehnen; als Senior-Hire mit Risiko (z. B. Kündigung eines sicheren Jobs) sind 6 Monate argumentierbar.
- Vesting-Start: Der Schedule sollte mit dem ersten Arbeitstag beginnen, nicht erst mit der Unterzeichnung des Beteiligungsvertrags Monate später – sonst verlängert sich dein Cliff faktisch.
- Arbeitgeberkündigung: Verhandle, dass bei einer Kündigung durch den Arbeitgeber ohne wichtigen Grund kurz vor dem Cliff zumindest der zeitanteilige Teil vestet – das schützt dich vor opportunistischen Trennungen in Monat 11.
- Frequenz danach: Monatlich statt jährlich – sonst hast du nach dem ersten Cliff jedes Jahr einen neuen kleinen Cliff.
Cliff bei Foundern
Auch Gründer haben gegenüber ihren Mitgründern und Investoren meist einen Cliff – im Rahmen des Reverse Vestings: Scheidet ein Founder im ersten Jahr aus, kann das Unternehmen alle seine Anteile zurückkaufen. Das schützt das Gründerteam vor dem Szenario, dass jemand nach sechs Monaten aussteigt und trotzdem 25 % oder mehr der Firma behält.
Zwei Besonderheiten: Erstens verlangen Investoren beim Einstieg oft einen Neustart oder eine Verlängerung des Founder-Vestings – bereits geleistete Jahre sollten dabei angerechnet werden. Zweitens vereinbaren Gründerteams den Cliff idealerweise schon vor der ersten Finanzierungsrunde untereinander: Der häufigste Streitfall in frühen Start-ups ist ein ausscheidender Mitgründer mit vollem Anteilspaket.
Häufige Fragen
Was passiert, wenn ich einen Tag vor dem Cliff kündige?
Vestet nach dem Cliff rückwirkend etwas?
Ist ein Cliff von 24 Monaten normal?
Gilt der Cliff auch bei einer Kündigung durch den Arbeitgeber?
Weiterlesen & Rechner
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Rechtslage: Österreich, Stand Juli 2026.